harald.walser | 31. Okt, 00:19
Was sich derzeit in Italien abspielt, ist wohl nicht nicht wirklich einzuschätzen. Einige sprechen schon von einem neuen "1968". Tatsache ist, dass seit Wochen Millionen Menschen - hauptsächliche SchülerInnen und StudentInnen - auf der Straße gegen eine Bildungsreform protestieren. Gestern haben alle (!) Lehrergewerkschaften zum Generalstreik an Schulen und zu Kundgebungen aufgerufen. Immerhin sollen in den nächsten drei Jahren fast 90.000 Lehrerstellen gestrichen werden. Einige Medien sprechen sogar von 130.000 Stellen.
Eines ist somit klar und erinnert uns an so manches, was auch unsere Liesl ("Ich habe ein Budget zu sanieren und damit basta!") als "Reform" verkaufen wollte: Auch in Italien handelt es sich vor allem um Sparmaßnahmen. Über 8 Mrd. € will Berlusconi im Bildungsbereich weniger ausgeben. Betroffen ist die Grundschule genauso wie die Universität. Kritiker meinen, es handle sich am Vorabend einer möglichen großen Weltwirtschaftskrise um einen groß angelegten Angriff auf das öffentliche Bildungswesen. Eine genauere Analyse der Hintergründe finde sich auf der Homepage von
Indymedia.
Sind die Massendemonstrationen in Italien ähnlich wie die
StudentInnenproteste im Jahr 1968 das Vorzeichen einer europäischen Revolte gegen unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem? Auch damals gab es nach einer langen Phase eines Wirtschaftswunders erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Einbrüche, weltweit begann sich die wirtschaftliche Lage zu verschlechtern, es gab Arbeitslosigkeit und große Verunsicherung. Und auch damals begann die Revolte mit Protesten von StudentInnen.
Ist auch der Protest gegen die italienische "Bildungsreform" nur der Anlass und nicht die Ursache der Unruhen? Geht es im Kern darum, wer die gewaltigen Kosten für die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen und die jetzige Spekulationskrise bezahlen soll?
Was nachdenklich stimmt: Wie 1968 wissen die Protestierenden zwar, was falsch läuft in unserer Gesellschaft, sie haben aber keine klaren Ziele. Zu erinnern ist an die Einschätzung der damaligen Revolte durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu in Richtung der 68er: "Ich bin mit Euch einverstanden, aber Achtung: es gibt nichts Schlimmeres als eine fehlgeschlagene Revolution! Denn die macht genauso viel Angst wie eine gelungene Revolution und ist doch nicht gelungen."
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