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18. März 2009

Grünes Bildungsprogramm steht zur Diskussion!

Es ist vollbracht. Nach langen Diskussionen, vielen Abwägungen etc. kann ich heute mit Eva Glawischnig gemeinsam den Entwurf zu einem Grünen Bildungsprogramm präsentieren. Hier können Sie den Entwurf unseres neuen Bildungsprogramms herunterladen:
Wir knüpfen mit diesem Programm bewusst an die Tradition der Aufklärung an (Motto „Mut und Verstand . Verstand und Moral“), wollen aber darüber hinaus natürlich auch auf die gesellschaftlichen Notwendigkeiten des 21. Jahrhunderts Bezug nehmen.
Kurz & bündig das Wesentliche:
Das Programm beruht auf drei Grundüberlegungen:
- Bildung soll (junge) Menschen zum selbstständigen Gebrauch ihres Verstandes befähigen und ermutigen, und sie soll eine politische Moral der Demokratiebejahung, der Toleranz und der Zivilcourage vermitteln.
- Bildung ist die zentrale Entwicklungsressource unserer Gesellschaft.
- Wer verhindert, dass Menschen gleichen Zugang zu dieser Ressource haben, verschüttet Entwicklungsmöglichkeiten der Gesellschaft und bestraft gleichzeitig Menschen für soziale und kulturelle Defizite ihres Herkunftsmilieus.
Aus diesen Überlegungen formuliert das Programm folgende Ziele:
- eine gemeinsame Schule aller Sechs- bis Vierzehnjährigen, damit auch eine massive zeitliche und institutionelle Flexibilisierung der Laufbahnentscheidungen;
- eine Abkehr von der derzeitigen Ressourcen-Pyramide, wo die weniger qualifizierten und schlechter bezahlten Kräfte „unten“ werken, die länger qualifizierten und besser bezahlten – und die Männer – „oben“;
- externe Evaluierungen von Schulen und Lehrkräften, damit sie weniger als „RichterInnen“, sondern zumindest tendenziell als „Coaches“ empfunden werden. Gleichzeitig braucht es mehr Schulautonomie und Demokratisierung, damit Schulen selbst auf die unterschiedlichen Herausforderungen durch vielschichtige Schülerschaften reagieren können;
- weitgehender Verzicht auf die Notengebung in der Volksschule, zumal die Leistungsbeurteilung in der vierten Klasse nicht mehr, wie bisher, die Weichen für die weitere Schullaufbahn stellen würde.
Doch noch ein Ziel ist mit diesem Programm verbunden: dass es bei möglichst vielen Menschen im Gespräch bleibt oder immer wieder ins Gespräch kommt. Keine hehren Deklarationen also, sondern ein Diskursmotor.
Das ist eine Einladung zum Mitreden an alle Interessierten!

Trackback URL:
https://haraldwalser.twoday-test.net/stories/5588815/modTrackback

Kommentare
Josef Schelling (Gast) - 18. Mär, 23:41

Bravo, Bravo, aber .....

Diese Vision verdient unzensurierten Beifall!
Leider ist sie Lichtjahre vom durchschnittlichen österreichischen Schulalltag entfernt.
Daher: publiziert sie, schickt sie in jeden Haushalt, verpflichtet jeden grünen Sympatisanten und jedes Patreimitglied, diesen Text in 9 nichtgrünen Famlien zu präsentieren und zu diskutieren.
Nur so ist es möglich - auch bei Doppelzählungen - 100% der Österreicher zu infizieren.
Es lebe der BR-Virus: Bildungsrevolutions-Virus!

arnobraendle (Gast) - 19. Mär, 08:30

Ja!

Seit über 20 Jahren beschäftige ich mich mit schulischer Bildung und Bildungspolitik. Die im Grünen-Bildungsprogramm geforderten Reformen sind eigentlich die einzig zulässigen Schlüsse, zu denen man kommen kann, wenn man sich pragmatisch den bestehenden Herausforderungen nähert. Danke! Weiter so.

Plumps! (Gast) - 19. Mär, 09:39

Gutes Konzept "für die Fisch"

Wiedereinmal ein gutes grünes Konzept, das einfach alles ausblendet, was in die grüne Wunschwelt nicht passt.
Weiterhin wird das Problem der regionalen Benachteiligung natürlich ignoriert. Wer im 15. Bezirk in eine öffentliche Volksschule geht, hat weiterhin nach der 4. Schulstufe einen riesigen Nachteil gegenüber einem Schüler aus dem 13. Bezirk, weil im 15. Bezirk primär erst die Grundbegriffe der Landessprache vermittelt werden müssen. Diese Förderung gezielt in eigenen Klassen zu erledigen ist den Grünen wiedereinmal zu politisch unkorrekt, wird deshalb mit Bös-Vokabeln wie "Aussonderung" oder "Ausländerklasse" belegt und wehement abgelehnt.

Da missbrauchen die Grünen lieber die Kinder mit guten Deutschkenntnissen als Integrationswerkzeuge. Selbstverständlich nur die Kinder, deren Eltern sich keine Privatschulen leisten können. Aber was macht das schon? Das grüne Klientel schickt seine Kinder ohnehin in Waldorf, Montessori oder sonstigen alternativen Schulen (Selbstverständlich NUR wegen des pädagogischen Konzepts!).

Ideologie macht nunmal blind.
So wie sich die ÖVP nicht eingestehen kann, dass ein auseinanderdividieren mit 10 Jahren keinen Sinn macht, können sich die Grünen nicht eingestehen, dass es keinen Sinn macht, ganze Klassen auf das Niveau von Kindern ohne Sprachkenntnisse herunterzuschrauben, nur damit sich niemand "ausgesondert" fühlt. (Dass kleinere Klassen und Unterstützungslehrer da etwas ändern ist reine ideologische Selbstblendung.)

Die besten Konzepte - auch dieses Bildungsprogramm gehört dazu - sind "für die Fisch", solange die Grünen weiterhin in ihrer Realitätsverweigerung verharren.

harald.walser - 19. Mär, 10:59

Bitte genau lesen!

Wir blenden gar nichts aus: Speziell auf die Probleme in Ballungszentren sind wir immer wieder eingegangen. Ich habe in den letzten Wochen mehrere Diskussionen in verscheidenen Bezirken geführt und kenne die Probleme. Die Wiener Grünen sagen zurecht, dass Schulen in diesen "Problembezirken" besonders gefördert werden müssen, wollen die Kinder aber nicht "verschicken", sondern ihnen einen Schulbesuch im "Grätzel" ermöglichen.
Plumps! (Gast) - 20. Mär, 10:53

Die beste Förderung wäre...

...Kindern mit guten Sprachkenntnissen einen guten Unterricht zu geben, und Kinder ohne Sprachkenntnisse erst einmal durch Intensivförderung auf ein Niveau zu heben, bis sie am Unterricht teilnehmen können. Das kann in der selben Schule stattfinden. Also keine Rede von verschicken.

Das lehnen aber die Grünen ab.
Die Grünen bevorzugen es, den Kindern mit guten Sprachkenntnissen den "Normalfall", also die Teilnahme an einem Unterricht, der sich um seine eigentlichen Aufgaben kümmert, zu verweigern, und benutzen sie lieber als Integrationswerkzeug, um anderen einen Förderunterricht zu ersparen, der sie als "Ausländer" stigmatisieren würde. (Nebenbei: Ist der Förderunterricht für Legastheniker stigmatisierend? Sollte man ihn abschaffen?)

Ich verstehe Ihren Standpunkt. Die Realität lässt sich aber nicht wegdiskutieren:
Wir nähern uns in Wien einem Zustand einer 2-Klassen Bildung. Wer sichs leisten kann, bekommt für seine Kinder eine Schule, die sich nach den Bedürfnissen seiner Kinder richtet. Wer sichs nicht leisten kann, bekommt eine Schule, die auf seine Kinder, vor lauter Sprachgrundkenntnisse vermitteln und versäumte Integration nachholen, bestenfalls nebenher ein bissl eingehen kann.

Es ist für mich als bisheriger Grün-Stammwähler schwer zu akzeptieren, dass gerade die Grünen
a) derzeit wohl den größten Beitrag zur 2-Klassen Bildung leisten,
b) den Sozialschwachen am stärksten demonstrieren, wie wenig ihre Probleme "die Politik" interessieren, und
c) mit der Ablehnung von Vorschulklassen für Kinder ohne Deutschkenntnisse täglich neue FPÖ-Wähler produzieren,
nur um ideologische Dogmen beibehalten zu können.
Wie kann eine Partei in vielen Sachbereichen so messerscharf analysieren und rational darüber diskutieren, und dann in diesem Bereich die Realität so komplett verweigern?
Alimentarius (Gast) - 19. Mär, 11:09

Was ist vollbracht?

Dieser Entwurf ist gut gemacht und wohl auch so gemeint. So wie er der Öffentlichkeit präsentiert wird, soll damit in erster Linie das doch etwas angeschlagene Image der Grünen Frontfrau verbessert werden.

Wie wollen Sie die Lehrer zu lebenslangem Lernen bewegen, und vor allem dazu, sich jederzeit verpflichtend "evaluieren" zu lassen. Wenn man es genau nimmt, würden Sie den Lehrern ein Vielfaches an konstruktiver Mehrarbeit abverlangen, als die Unterrichtsministerin mit ihren zwei Stunden mehr Verweildauer an den Schulen. Auch die Rolle der Eltern kommt in diesem Entwurf nicht vor.

Dieses Papier ist eine gute Diskussionsgrundlage, aber "vollbracht" ist sicher noch lange nichts.

harald.walser - 19. Mär, 11:24

Na lassen Sie mir halt die Freude!

Das "Vollbracht" bezieht sich natürlich nur auf die Texterstellung - umgesetzt ist das noch lange nicht.
Ich kenne übrigens keine angeschlagene grüne Frontfrau, helfen Sie mir bitte weiter. Ich kenne aber Eva Glawischnig, die putzmunter unsere grüne Truppe führt - mit der notwendigen Neugier für neue Ideen, mit Offenheit gegenüber anderen Meinungen und mit der notwendigen Klarheit und Entschiedenheit, wenn Entscheidungen zu treffen sind.
Alimentarius (Gast) - 19. Mär, 11:52

"putzmunter" ist gut

Selbstverständlich lass ich Ihnen die Freude, so wie Sie mir mit Ihrer Formulierung Spaß gemacht haben.

Sie haben natürlich Recht. Das Thema Bildung eignet sich nicht für parteipolitische Polemiken. Eher sollten wir diesbezüglich zu einer gemeinsamen Kraftanstrengung kommen.

Vielleicht bietet gerade die derzeitige Krise eine Chance, den ganzen ideologischen Kleinkram, der sich in den Parteien aufgestaut hat, zu überwinden, um gemeinsames Handeln erst zu ermöglichen.
edgarh (Gast) - 19. Mär, 16:09

Dank und Anerkennung . . .

für dieses Bildungsprogramm, das die Ist-Situation und mögliche Wege in die Zukunft klar und konsequent wie selten zeigt.

Aus eigener langjähriger Erfahrung als Elternteil einer Schule in freier Trägerschaft kann ich vor allem folgende Punkte nur bestätigen und unterstützen:
- Vorteile der Verbalbeschreibung statt Noten
- gemeinsame Schule von verschiedenartig talentierten SchülerInnen
- die Wichtigkeit intensiver, adequat bezahlter (& männlicher) Pädagogik in Kindergarten und Unterstufe
- die Vorteile der Schulautonomie, die viele Kräfte freisetzen kann

Die Umsetzung des Grünen Bildungsprogramm wäre ein entscheidender Schritt, um Österreichs Bildungssystem endlich im 21. Jhdt. ankommen zu lassen.
Angesichts der aktuellen Diskussionen befürchte ich jedoch, dass das Beharren auf vielfältigste Einzelinteressen den Blick aufs Grosse und Ganze wieder einmal verstellt.

Genosse (Gast) - 19. Mär, 20:48

Zustimmung!

Ich kann mich nur dem niederösterreichischen SPÖ-Chef und stellvertretenden Bundesparteivorsitzenden Josef Leitner anschließen, der heute im Interview mit ÖSTERREICH den Rücktritt von GÖD-Chef Fritz Neugebauer fordert: "Ich bin dafür, dass GÖD-Vorsitzender Fritz Neugebauer die Politik verlässt. Neugebauer ist das Mastermind der VP-Blockade im Bildungsbereich - und das seit Jahrzehnten."

Alimentarius (Gast) - 20. Mär, 09:51

Der Genosse irrt

Das "Mastermind derBlockade im Bildungsbereich" sind die Lehrer. Neugebauer ist der gewählte Vetreter dieser Blockierer und er erfüllt seine Aufgabe ganz im Sinne der Lehrer.
Niklas (Gast) - 20. Mär, 21:31

Interessant...

hmm ich muss sagen, ich bin ziemlich überrascht. Ich war seit Ankündigung der Gesamtschulpläne ziemlich dagegen, aber auf diese Art und Weise präsentiert kommen schon auch Vorteile ganz gut weg. Allerdings wäre es schön, wenn in irgendeiner Form ohne Bewertung die Unterschiede zwischen den Möglichkeiten dargestellt werden, immerhin haben alle Lösungen pro- und contra- Seiten.

Ich möchte den geschätzten Damen und Herren auch noch Roger's "Entwicklung der Persönlichkeit" als Lektüre empfehlen, ist allgemein ein ziemlich interessantes Buch, vor allem aber beschreibt Rogers darin eine Art von Schulversuch, der ziemlich interessant klingt.

Ich als aktuell Studierender habe vielleicht noch einen Punkt anzufügen, der etwas utopisch klingt. Ich finde es ziemlich schade, dass man als Studierender im Endeffekt ein vorgefertigtes Studium nachstudieren muss, um einen Abschluss (etwas Vorzeigbares) zu haben. Da sich meine Interessen über eine breite Palette an Studiengängen erstrecken (Psychologie, Soziologie, Pädagogik, Musik, Kunst, Journalismus, Schriftstellerei, um einige zu nennen), wäre es fein, wenn man sich aus einzelnen Studiengängen auch nur gewisse für den Einzelnen interessante Themen rauspicken könnte und trotzdem etwas sinnvoll Vorzeigbares herausbekommen könnte. Ich bin nicht wirklich allzu versessen auf einen Magistertitel aber es wäre halt schön, wenn der Besuch von z.B. 6 Vorlesungen und zwei Praktiken zum Thema Pädagogik dann so eine Art Pädagogisches Zeugnis ergeben würde. Somit wäre es auch für bereits berufstätige leichter, sich gewisse für eine Beförderung nötige Fähigkeiten nachprüfbar anzueignen.

Oder führt irgendwo in Österreich Sozialpsychologie als Studium ein, das würde schon für viel entschädigen ;)

historix (Gast) - 21. Mär, 10:33

Link nach Deutschland

Auch in Deutschland wird derzeit viel über die Themen "Ganztagsschule / Lehrerarbeitsplätze etc" im Zusammenhang mit Bildung diskutiert - ganz interessant vielleicht zu BM Schmieds "Großraumbüro"- Vorstellungen:

https://www.academics.de/wissenschaft/recht_auf_ruhe_35703.html

harald.walser - 21. Mär, 12:25

Der Artikel ist wirklich lesenswert ...

und bestätigt, was wir seit Monaten trommeln: Investitionen in LegrerInnen-Arbeitsplätze könnten rasch begonnen werden und wären unmittelbar konjunkturwirksam, profitierten würden heimische Handwerker - und die pädagogische Qualität würde steigen.
Danke für den Tipp!

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