Bildung
15. November 2008
harald.walser | 15. Nov, 08:56 |
5 Kommentare
Die Weltwirtschaftskrise nach dem Börsenkrach 1929 wird häufig mit der jetzigen Situation verglichen. Damals wählten die Amerikaner den amtierenden Präsidenten Hoover ab und mit Franklin D. Roosevelt einen Mann mit neuen Ideen und einer neuartigen Wirtschaftspolitik ins Amt - dem "New Deal". Die Grundidee: mit kurzfristigen staatlichen Schulden und sinnvollen Investitionen hat man einen Weg gefunden aus dem wirtschaftlichen Wellental. Der "New Deal" war ein Riesenerfolg. Aber ist er auch ein Rezept für heute?
In der "Zeit" war diese Woche ein interessanter Artikel zu lesen:
Ein New Deal für die Schulen: "Viele Schulgebäude sind marode. Manche Hochschulen aus den siebziger Jahren sind längst einstürzende Neubauten. Krippen und Kitas (also Kindertagesstätten, HW) fehlen ganz. Viele Ganztagsschulen, die nicht bloß in den Nachmittag verlängerte Vormittagsschulen mit einem Kiosk sind, würden nach Erweiterungen und Umbauten erst diesen Namen verdienen." Das wäre doch auch etwas für uns in Österreich! Die Situation ist ja nicht viel anders. So wie die "Zeit" die deutsche Situation schildert, ist ja auch die österreichische.
Eine "New-Deal-Initiative" würde unser Bildungssystem nachhaltig verbessern, wäre eine sinnvolle Investition in unsere Zukunft und würde gleichzeitig zielgerichtet die heimische Wirtschaft beleben. Statt so eines sinnvollen Investitionsprogramms denkt man aber in Deutschland und leider auch in Österreich allen Ernstes darüber nach, wie man den Absatz für große Benzinfresser steigern könnte, plant Autobahnen und andere Großinvestitionen, die den kleinen Handwerkern vorort wenig bis gar nichts bringen.
Und was macht Roosevelts Nachfolger in den USA? Barack Obama möchte Bildung zum Thema Nummer eins machen und verspricht ein entsprechendes Investitionsprogramm. Er weiß, dass ein Konjunkturprogramm "Bildung" in der jetzigen Situation den "taumelnden Kapitalismus" beruhigt und zugleich nachhaltig in die Zukunft weist. Er hat eine Vision, für die sich das Engagement lohnt. Das fehlt in Europa noch größtenteils. Sicher jedenfalls in Deutschland und in Österreich!
11. November 2008
harald.walser | 11. Nov, 12:04 |
4 Kommentare
Wenn man sich anschaut, was von den Ergebnisser der rot-schwarzen Regierungsvorhaben bislang durchgesickert ist, kommt man um eine Feststellung nicht umhin: Österreichs Bildungspolitik verbleibt im Dauerschlaf!
Keines der großen Projekte wird auch nur annähernd in Angriff genommen. Dabei fallen wir immer weiter zurück: Heuer hat mit Liechtenstein eines der letzten europäischen Länder die gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen beschlossen: Nur noch Deutschland und Teile der Schweiz versuchen wie wir, die Probleme des 21. Jahrhunderts mit einem Schulsystem des 19. Jahrhunderts zu lösen.
Parallelstrukturen in der Schulverwaltung aufzulösen, ist sicher lobenswert, aber noch lange keine Bildungsreform. Bevor kein klares Konzept vorliegt, können die Auswirkungen zudem auch nicht seriös beurteilt werden: Lippenbekenntnisse zu einer Entbürokratisierung der Schulverwaltung gab es nämlich bereits 2001 und zuletzt bei den Koalitionsverhandlungen 2006.
In Wirklichkeit handelt es sich bei der Verwaltungsreform nicht um das wesentliche Thema im Bildungsbereich. Was wir dringend benötigen, sind keine Reförmchen im Bereich der Verwaltung, sondern pädagogische Maßnahmen in Richtung gemeinsame Schule der 10- bis 14-Jährigen und Individualisierung des Unterrichts. Auch der Ausbau der vorschulischen Erziehung ist nicht länger aufschiebbar. Für Fünfjährige soll laut derzeitigem Stand der Einigung von SPÖ und ÖVP der Kindergartenbesuch nur halbtags gratis, dafür aber Pflicht sein. Das ist viel zu wenig ambitioniert, wir brauchen den ganztägigen Kindergarten für alle Vier- und Fünfjährigen. Das sei vor allem für Kinder von MigrantInnen wichtig. Migrantenkinder bleiben oft zu Hause und haben dann in der Schule Sprachprobleme. Sie müssen in die Kindergärten gebracht werden.
Der Weckruf diverser internationaler Untersuchungen zur Situation des Bildungswesen scheint bei SPÖ und vor allem ÖVP noch immer nicht angekommen zu sein.
9. November 2008
harald.walser | 9. Nov, 23:59 | 0 Kommentare
Der Termin für die Veranstaltung war richtig gewählt: Heute vor genau 70 Jahren begann im Deutschen Reich die Reichspogromnacht - besonders brutal waren diese verharmlosend als Reichskristallnacht bezeichneten Übergriffe auf die jüdische Bevölkerung in der „Ostmark“.
Wie kann man so ein Thema SchülerInnen „richtig“ vermitteln, wie unterrichtet man überhaupt das Thema Holocaust „richtig“? Gibt es in diesem Zusammenhang „richtig“ und „falsch“? Diese Fragen und dieses Thema waren und sind für mich als Lehrer immer noch eine der größten pädagogischen Herausforderungen. Heute Abend präsentierten Werner Dreier, Markus Barnay und Albert Lichtblau eine mögliche Antwort darauf. Im Jüdischen Museum Hohenems wurde die DVD „Das Vermächtnis“ präsentiert. Diese DVD sollte für GeschichtelehrerInnen eigentlich Pflicht sein (wenn man mit Pflicht etwas erreichen könnte). Sie enthält Interviews mit Überlebenden, welche von Steven Spielbergs „USC Shoah Foundation Institute“ in Los Angeles gesammelt wurden. Für den Unterricht wurden 13 Interviews ausgewählt und für den Schulunterricht aufbereitet.
Zwei Interviewpartnerinnen waren heute Abend in Hohenems live zu hören. Es war ein beeindruckender und nachdenklich stimmender Abend: Zwei Schwestern aus Wien, Elisabeth Scheiderbauer (Jg. 1936) und Helga Feldner-Busztin (Jg. 1929), erzählten, wie sie die NS-Zeit überlebt haben. 1943 wurden sie mit ihrer Mutter in das KZ Theresienstadt deportiert, ihr Vater Paul Pollak kam 1944 in das KZ Auschwitz. Alle vier überlebten. So beeindruckende, unkomplizierte, bescheidene und gleichzeitig selbstbewusste ZeitzeugInnen wie diese beiden Schwestern gibt es nicht mehr viele. Umso wichtiger ist es, auch für die kommende Generationen entsprechende Unterrichtsmittel bereitzustellen.
Auf der Homepage von erinnern.at können diese Interviews mit
Frau Scheiderbauer und Frau Feldner-Busztin angeschaut werden. Über den pädagogisch sinnvollen Umgang mit dieser DVD gibt es in ganz Österreich Seminare, sie kann zudem problemlos bestellt werden: nähere
Informationen über die Seminare und die DVD auf der Homepage von erinnern.at.
7. November 2008
harald.walser | 7. Nov, 14:38 | 0 Kommentare
Was in vielen europäischen Ländern bereits Standard ist, muss in Österreich endlich Realität werden.Der muttersprachliche Unterricht für Kinder mit Migrationshintergrund ist bei uns aber leider noch fast völlig unbekannt.
Es ist längst erwiesen, dass muttersprachlicher Unterricht die Sprachkompetenz noch erhöht, da die Kenntnisse in der Muttersprache die Grundlage für den Erwerb weiterer Sprachen darstellt. Muttersprachlicher Unterricht fördert also das Erlernen der Unterrichtssprache. Verweisen möchte ich diesbezüglich etwa auf eine
Initiative des Deutschen Gewerkschaftsbundes.
Österreichs Schulsystem lässt das mehrsprachige Potential der Kinder verkümmerns. Anstatt die vorhandenen Sprachtalente gezielt zu fördern und Kindern so ein positives Selbstbild zu vermitteln, den Schuleintritt zu erleichtern und die Sprachbeherrschung nachhaltig zu verbessern, werden Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache bei der Schulwahl diskriminiert und mit finanziellen Konsequenzen bedroht. Das stellt für viele Familien ein nicht unbeträchtliches Problem dar.
Allein im laufenden Jahr haben sich Bildungspolitiker von SPÖ und ÖVP zweimal für einen muttersprachlichen Unterricht ausgesprochen. Wir dürfen also wohl erwarten, dass sich diese Forderung im Regierungsprogramm wiederfindet und die Umsetzung raschest in Angriff genommen wird - wenn man optimistisch ist!
4. November 2008
harald.walser | 4. Nov, 00:14 | 0 Kommentare
Ja, es kann gelingen: Die Schule kann einen wesentlichen Beitrag zur Lösung der bestehenden Integrationsprobleme leisten. Wenn man ihr die Möglichkeit dazu gibt!
Und es kommt leider schon wieder ein "wenn": Wenn wir in Österreich endlich die weit verbreitete "Mir-san-mir-Mentalität" ablegen und den Blick ins Ausland wagen, werden wir erstaunt zur Kenntnis nehmen können, dass es ganz tolle Modelle zur Lösung heimischer Probleme gibt.
SchülerInnen ohne Kenntnis der Unterrichtssprache? Die Süddeutsche Zeitung berichtet über den Umgang mit
Bildung und Integration und insbesondere dem Problem mangelnder Sprachkenntnisse in Kanada. Die Zauberworte heißen Sprachunterricht und Einzelbetreuung. Beschrieben werden vorbildliche Bildungsangebote in Toronto - allerdings gelöingt das auch dort nur unter größter Anstrengung.
Unsere Landtagsabgeordnete Karin Fritz hat übrigens einen Antrag eingebracht, der genau in diese Richtung geht. In den Vorarlberger Kindergärten hat derzeit rund ein Viertel der Kinder in eine andere Muttersprache als Deutsch, in manchen Kindergärten überwiegen die Kinder mit nicht-deutscher Muttersprache. Es ist durchaus keine Seltenheit, dass in einem Kindergarten Kinder mit einer Reihe unterschiedlicher Muttersprachen betreut werden. Weil die KindergartenpädagogInnen in der Regel nicht die Muttersprachen der Kinder sprechen, fordert Karin Fritz zurecht einen Qualifizierungslehrgang für Kindergarten-AssistentInnen mit nicht-deutscher Muttersprache. Denn eines ist klar: Um Mehrsprachigkeit in unserem Land zu fördern, ist es notwendig, dass PädagogInnen im Schulsystem vermehrt Zuwanderersprachen sprechen und aus Zuwandererkulturen stammen. Immerhin gibt es ja eine von allen Parteien getragene Initiative des Vorarlberger Landtags mit dem Ziel, Mehrsprachigkeit zu fördern.
Auf Bundesebene ist zu bezweifeln, dass Rot und Schwarz in den derzeitigen Regierungsverghandlungen auch nur ansatzweise in diese Richtung oder an ein System wie in Kanada denken. Aber hoffen darf man ja!
31. Oktober 2008
harald.walser | 31. Okt, 00:19 |
1 Kommentar
Was sich derzeit in Italien abspielt, ist wohl nicht nicht wirklich einzuschätzen. Einige sprechen schon von einem neuen "1968". Tatsache ist, dass seit Wochen Millionen Menschen - hauptsächliche SchülerInnen und StudentInnen - auf der Straße gegen eine Bildungsreform protestieren. Gestern haben alle (!) Lehrergewerkschaften zum Generalstreik an Schulen und zu Kundgebungen aufgerufen. Immerhin sollen in den nächsten drei Jahren fast 90.000 Lehrerstellen gestrichen werden. Einige Medien sprechen sogar von 130.000 Stellen.
Eines ist somit klar und erinnert uns an so manches, was auch unsere Liesl ("Ich habe ein Budget zu sanieren und damit basta!") als "Reform" verkaufen wollte: Auch in Italien handelt es sich vor allem um Sparmaßnahmen. Über 8 Mrd. € will Berlusconi im Bildungsbereich weniger ausgeben. Betroffen ist die Grundschule genauso wie die Universität. Kritiker meinen, es handle sich am Vorabend einer möglichen großen Weltwirtschaftskrise um einen groß angelegten Angriff auf das öffentliche Bildungswesen. Eine genauere Analyse der Hintergründe finde sich auf der Homepage von
Indymedia.
Sind die Massendemonstrationen in Italien ähnlich wie die
StudentInnenproteste im Jahr 1968 das Vorzeichen einer europäischen Revolte gegen unser Wirtschafts- und Gesellschaftssystem? Auch damals gab es nach einer langen Phase eines Wirtschaftswunders erstmals seit dem Zweiten Weltkrieg Einbrüche, weltweit begann sich die wirtschaftliche Lage zu verschlechtern, es gab Arbeitslosigkeit und große Verunsicherung. Und auch damals begann die Revolte mit Protesten von StudentInnen.
Ist auch der Protest gegen die italienische "Bildungsreform" nur der Anlass und nicht die Ursache der Unruhen? Geht es im Kern darum, wer die gewaltigen Kosten für die wirtschaftlichen Fehlentwicklungen und die jetzige Spekulationskrise bezahlen soll?
Was nachdenklich stimmt: Wie 1968 wissen die Protestierenden zwar, was falsch läuft in unserer Gesellschaft, sie haben aber keine klaren Ziele. Zu erinnern ist an die Einschätzung der damaligen Revolte durch den französischen Soziologen Pierre Bourdieu in Richtung der 68er: "Ich bin mit Euch einverstanden, aber Achtung: es gibt nichts Schlimmeres als eine fehlgeschlagene Revolution! Denn die macht genauso viel Angst wie eine gelungene Revolution und ist doch nicht gelungen."
24. Oktober 2008
harald.walser | 24. Okt, 18:36 |
16 Kommentare
Es ist eine wirklich große Aufgabe, die mir heute vom Grünen Parlamentsklub übertragen wurde - und eine Riesenherausforderung! Bildungssprecher der Grünen zu sein, macht mich im ersten Moment etwas unsicher. Immerhin sind wir ja - aus meiner Sicht - die "Bildungspartei" schlechthin, haben tolle Konzepte und gleichzeitig sehr, sehr kritische WählerInnen. Ich hoffe, ich kann dem Vertrauensvorschuss meiner KollegInnen im Klub gerecht werden.
Es reizt mich natürlich, ein paar grundsätzliche Worte zu verlieren:
Wir benötigen dringend eine Schulreform, die diesen Namen auch verdient: Österreichs Schulsystem ist teuer und ineffizient. Die frühe Trennung der SchülerInnen mit zehn Jahren schwächt die schwächeren SchülerInnen und hilft den stärkeren nicht. Länder wie Finnland mit seiner Gesamtschule zeigen es vor: Dort gibt es weniger SchulversagerInnen und mehr Spitzenleistungen. Wir dürfen es aber nicht bei der plakativen Forderung nach der Gesamtschule belassen. Eine sinnvolle und erfolgreiche Schulreform muss bei den gesellschaftlichen Zielen, den Bedürfnissen der SchülerInnen, den Systemanforderungen und bei den LehrerInnen ansetzen. Gesellschaftliches Ziel von Schule und Bildung muss es sein, möglichst viele Jugendliche möglichst gut auszubilden, um Schullaufbahnverluste, Schulabbrüche, Ausbildungswechsel und Bildungsverweigerung zu vermeiden. Da müsste eine "Koalition der Vernünftigen" mit Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden möglich sein, denn unser Staat braucht hochqualifizierte Arbeitskräfte mit Weiterbildungswillen.
Bildung geht aber deutlich über Ausbildung hinaus: Schule muss Werte vermitteln: Demokratie, Toleranz, Kooperation, Gleichberechtigung. Schule muss Interessen fördern - an Kultur, Gesellschaft, Politik etc. Schule muss einen Ausgleich für gesellschaftliche Benachteiligung zumindest versuchen. Die Systemanforderungen und die berechtigten Wünsche von SchülerInnen und Eltern sind ein sozial gerechtes Schulsystem, das individuelle Förderung erlaubt und Chancen gerecht vergibt. Für die LehrerInnen in einem solchen System bedeutet das eine grundlegend andere Ausbildung hin zu Bildungscoaches und ein Dienstrecht, das Leistungsanreize schafft sowie eine Arbeitsumgebung, die es den LehrerInnen ermöglicht ,ihre Arbeit in der Schule zu erledigen. Schulen müssen also auch eine entsprechende Infrastruktur anbieten und zeitliche Freiräume für die Vernetzung der LehrerInnen in Teams bereitstellen.
Natürlich wird das alles viel Geld kosten. Die "ideale Schule" ist nicht zum Nulltarif zu haben. In Österreich wird bereits jetzt sehr viel Geld in die Schulen investiert. Doch kommt diese Geld derzeit im internationalen Vergleich zuwenig bei den SchülerInnen an und versickert in einer ineffizienten Verwaltung mit Doppelgleisigkeiten, Kompetenzüberschneidungen und proporzmäßig besetzten Kommissionen und Kollegien. Es geht also darum, das vorhandene Geld zielgerichtet einzusetzen und mehr in pädagogisches Personal als in die Verwaltung zu investieren.
Das Bildungsthema ist die Herausforderung für die Zukunft - und derzeit eine Riesenbaustelle. Mich erwartet viel Arbeit. Ich freue mich darauf!
21. Oktober 2008
harald.walser | 21. Okt, 00:05 |
1 Kommentar
Es gibt Dinge, die glaubt man nicht. Die Lustenauer Jugendzeitschrift „Brüll mit“ - gestaltet von MitarbeiterInnen des Lustenauer SchülerInnen- und Jugendtreffs Full House - bringt in ihrer letzten Ausgabe ein Interview mit dem Postenkommandanten Wilfried Keckeis und dem Präventionsbeamten Gerhard Mayer. Thema ist die wachsende Jugendkriminalität. Auf die Frage, was die Beamten von Strafcamps halten, antworten sie: „Ich fände Arbeitslager, in denen z.B. Autobahnen gebaut werden, sinnvoller. Und zwar von Hand, mit Pickel und Schaufel. Weiterbildung müsste möglich sein. Diese Menschen wären versorgt, würden ´arbeitssüchtig`, hätten einen geregelten Tagesablauf und würden verlässlicher. Nach der Entlassung hätten sie gelernt, was Arbeiten und Integrieren heißt.“
Wir hatten schon einmal jemanden, der Autobahnen bauen ließ. Auch damals waren viele mit Pickel und Schaufel dabei. Nur eine Entlassung war meist nicht vorgesehen. Man muss annehmen, dass die beiden Beamten nicht an dieses Vorbild gedacht haben. Die Wortwahl aber ist beängstigend!
19. Oktober 2008
harald.walser | 19. Okt, 18:25 | 0 Kommentare
Ich habe heute interessante Stunden bei der Freien-Montessori-Schule in Altach erlebt. Die Buntheit und Vielfältigkeit pädagogischer Konzepte im Privatschulwesen ist wichtig für das staatliche Schulwesen. Man hat gestern und heute beim „Basar“ SchülerInnen und LehrerInnen beim Arbeiten beobachten können, da wurde Holz bearbeitet, gebohrt, in der Metallwerkstätte wurde gelötet und in einer Schmiede Eisen bearbeitet. Ansteckend ist vor allem die Begeisterung, mit der alle bei der Sache sind. Auch Bewegungslust und Orientierungssinn werden gefördert. Das Wichtigste: Man merkt, dass Schule Lust und Freude machen kann. Ich finde es toll, was es an privaten Initiativen in unserem Land gibt. Und ich finde es noch toller, dass dadurch das Regelschulwesen befruchtet wird. Denn was wir vor allem brauchen, ist ein attraktives staatliches Schulwesen - durchaus in fruchtbarer Konkurrenz zum privaten!
Schade nur, dass die finanzielle Ausstattung der Schulen mit einer freien Trägerschaft noch immer sehr problematisch ist. Seit fast 40 Jahren gibt es in Österreich Schulen in freier Trägerschaft (nichtkonfessionelle Schulen) mit derzeit mehr als 4000 SchülerInnen. Während diese Schulen von Bildungsfachleuten allseits für ihre engagierte und innovative pädagogische Arbeit geschätzt werden, ist deren finanzielle Situation seit Anbeginn sehr schlecht. Im Gegensatz zu den meisten europäischen Ländern werden in Österreich die Schulkosten nur zu maximal 10% vom Staat refundiert, für den Großteil müssen die Eltern aufkommen. Die Unterschiede in der Behandlung von konfessionellen und alternativen Privatschulen müssen beseitigt werden: Prinzipiell sollen alle gleich behandelt werden. Wo es zusätzliche Leistungen gibt (Mittagessen etc.), ist eine zusätzliche Bezahlung angebracht. Prinzipiell sollte aber der Ausbau der Ganztagsschule nach skandinavischem Vorbild vorangetrieben werden, wo auch solche Leistungen vom Staat getragen werden. Der Bildungszugang von Kindern muss von der finanziellen Situation der Eltern entkoppelt werden.
16. September 2008
harald.walser | 16. Sep, 00:07 |
6 Kommentare
Das Wifi hat am Montagnachmittag in Dornbirn eine wirklich spannende
Veranstaltung mit hervorragenden Bildungsexperten organisiert. Wenig überraschend kam das österreichische Bildungswesen dabei nicht sonderlich gut weg.
Der Hamburger Erziehungswissenschaftler Professor
Peter Struck wies darauf hin, dass der Trend überall dahin geht, Kinder früher einzuschulen und die Grundschulzeit zu verlängern. Zudem plädierte er für die Aufhebung der starren Jahrgangsstufen: Frühgeförderte Sechsjährige sind oft schon auf dem Stand von Achtjährigen, vernachlässigte auf dem Stand von Vierjährigen. Die erfolgreichsten PISA-Länder hätten eine neunjährige gemeinsame Grundschule - oft mit jahrgangsübergreifendem Unterricht. Und auch die typisch österreichische und deutsche Halbtagsschule sei überholt. Er übte zudem scharfe Kritik an den Unterrichtsmethoden: Es reiche nicht, dass Schüler zuhören, um etwas dauerhaft zu lernen. Sie müssten die Möglichkeit haben, es selbst auszusprechen. Bei uns spreche ein/e SchülerIn pro Unterrichtseinheit im Schnitt nur eine Minute, in Finnland acht Minuten.
Struck verwies auf die neuesten Forschungsergebnisse aus der Lernpsychologie und Hirnforschung. Die dortigen Ergebnisse zeigten, dass erfolgreiches und nachhaltiges Lernen neu gestaltet werden müsse (Lernen mit gegenseitigem Respekt, Schüler nicht beschämen, produktives Nutzen einer Fehlerkultur).
Der Bildungsökonom
Ludger Wössmann (Wirtschaftsforschungsinstitut der Universität München) plädierte aus rein volkswirtschaftlicher Sicht dafür, besonders in die frühkindliche Bildung zu investieren, das bringe dem Staat mit Abstand am meisten. Er wies darauf hin, dass statistisch gesehen die PISA-Sieger langfristig auch das höchste Wirtschaftswachstum haben – vielleicht ist das für die ÖVP ein Anreiz, endlich von ihrer starren Verhinderungsposition in der Bildungsthematik abzugehen.